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Brotherhood of Blessed Gérard

Stationäres Hospiz

Wir nehmen Kranke zur Hospiz- und Palliativ-Pflege stationär auf.

Wenn unheilbar Kranke und Sterbende zu Hause nicht mehr ausreichend gepflegt werden können, nehmen wir die Patienten stationär bei uns auf.

Manchmal geschieht dies auch vorübergehend, um überlasteten Angehörigen eine Erholungspause zu ermöglichen.

Oftmals bessert sich der Zustand des Patienten auch durch unsere gute Pflege, vollwertige Ernährung und kontinuierliche medizinische Behandlung so sehr, dass er vorübergehend wieder nach Hause entlassen werden kann.

In der Regel aber kommen die Kranken zu uns, um hier die letzten Tage ihres Lebens zu verbringen. Palliativpflege konzentriert sich auf das Wohlbefinden des Menschen. Liebende Zuwendung, Bereitschaft zum Zuhören und Gespräch, menschliche Nähe und Fürsorge stehen im Mittelpunkt. Adäquate Schmerztherapie und andere medizinische Hilfen gehören ebenso dazu wie die seelsorgerliche Begleitung und psychosoziale Betreuung.

Mit welchen Krankheiten werden Kranke stationär aufgenommen bzw. aus welchen Gründen?

Interview von Pater Martin Trieb OSB mit Pater Gerhard T. Lagleder OSB

Warum oder wann wir einen Patienten hier aufnehmen hat eigentlich nicht so sehr etwas mit der Diagnose zu tun, sondern mit seiner Bedürftigkeit, mit anderen Worten: Wir nehmen hier Patienten auf, die zu Haus nicht oder nicht ausreichend gepflegt werden können. Wir haben ja nicht nur stationäre Aufnahme, sondern wir bilden auch Menschen in Häuslicher Krankenpflege aus. Wir haben mobile Hauskrankenpflege-Teams, die häusliche Pflege leisten und wir haben Tagespflege, aber wo dies nicht ausreicht, weil der Patient zu krank ist oder die Familie nicht dazu in der Lage ist, die Pflege zu übernehmen, dort nehmen wir den Patienten auf. Ein Großteil unserer Patienten – es ist schwierig dies in Prozenten zu sagen oder zu schätzen – aber ich denke, wenn ich 90% sage, dass ich nicht übertreibe, dass diese 90% an AIDS leiden und AIDS kommt selten alleine, es kommt meistens in der Dreierkombination AIDS, Tuberkulose und Geschlechtskrankheiten. Dies ist also der dominierende Bereich aus dem unsere Patienten kommen.

Wir nehmen aber auch Patienten auf zur Rehabilitation. Wir sind ja nicht nur Hospiz, sondern auch ein Pflegezentrum, d.h. Patienten, z.b. nach einem Schlaganfall, nach einen Herzinfarkt, nach einem Unfall, die dann rehabilitiert werden müssen, mit denen wir Übungen machen müssen, mit denen wir, denen wir die Medizin geben müssen, die ihnen der Arzt verschreibt, damit sie sich wieder erholen können und dazu nehmen wir dann auch Angehörige mit herein, denen wir zeigen, wie sie ihren Angehörigen zu Hause weiter pflegen können und somit ist also das Spektrum der Patienten, die wir hier aufnehmen ganz ganz weit gestreut.


Autofahrt durch eine Todeszone: Blessed Gérard's Hospiz

Ein Filmbericht - aufgenommen im Februar 2007 - über die Südafrikanische Hilfsorganisation des Malteserordens, die Brotherhood of Blessed Gérard.
Die Reportage zeigt die Arbeit der Südafrikansichen Malteser im Blessed Gérard's Care Centre in Mandeni.
Dies ist der Ausschnitt über Blessed Gérard's Hospiz aus dem Film.


Die Begleitung Sterbender

Begleitung Sterbender


 


Ich denke, dass neben der Taufe der Tod der wichtigste Augenblick im Leben eines Menschen ist. Worum es in der Begleitung Sterbender wirklich und im Innersten geht, ist, dass wir den Sterbenden dahin begleiten, dass er in die geöffneten, liebenden Hände Gottes sich überlassen kann, wenn er seine Augen schließt.

Die Begleitung Sterbender hat neben der medizinischen  Betreuung, dass man dem Patienten die Schmerzen nimmt, dass man den Patienten hilft, dass er atmen kann, dass man dem Patienten im medizinisch-pflegerischen Bereich ihm es so bequem als möglich macht.

 Die Pflege Sterbender hat die Aufgabe neben dem, dass wir dem Menschen vermitteln, dass er geborgen ist und ihm damit etwas von der Geborgenheit Gottes, in die er sehr bald hinüber gehen wird, in seinem Tod hier und jetzt schon vermitteln;

 Geborgenheit vermitteln und Nähe Gottes vermitteln, dies aber nicht in einer aufdringlichen Art und Weise zu tun, sondern in einem Angebot, im Dasein, im Spürenlassen mehr als im Predigen.

Wo der Patient dies wünscht, werden wir ihm selbstverständlich die Sakramente der Kirche spenden, aber ein Großteil unserer Patienten sind ja gar keine Katholiken, so dass wir ihnen eben

in einem allgemein religiösen Milieu begegnen mit einem allgemein religiösen Hilfsangebot begegnen des Gebetes, das Daseins, der Beratung und ihm einfach spüren lassen, dass es ein liebender Gott ist, der auf ihn wartet.

 Wichtig ist dabei auch die persönliche Begleitung im Gespräch, dass wir dem Menschen klarmachen, dass er sich nicht fürchten muss,

 dass wir ihm klarzumachen versuchen, dass er in liebende Hände übergeht,

 dass wir ihm klarzumachen versuchen, dass Gott auf ihn wartet mit einer Freude, die er hier in diesem Leben nicht so erleben konnte.


Krankenseelsorge: Das Sakrament der Krankensalbung und die Krankenkommunion

Seelsorge ist ein integraler Bestandteil einer wirklich ganzheitlichen Palliativmedizin.
Unser Pastoral-Team im Blessed Gérard Hospiz (Pastoral-Assistentin Sr. Thekla, Hospizseelsorger Pfarrer Ngcobo und unser Direktor Pater Gerhard) bieten allen Gesprächs-Seelsorge, Begleitung und Gebet mit und/oder für die Patienten.
Wir sind sehr privilegiert, dass wir die Patienten, Mitarbeiter und Freiwilligen zu unserer täglichen Eucharistiefeier einladen und dass wir den katholischen Patienten auch die Sakramente der Versöhnung und der Krankensalbung anbieten können.


Berichte über unsere Arbeit im stationären Hospiz

Die Zeit tickt anders im Blessed Gérard‘s Hospiz

Die Zeit tickt anders im Blessed Gérard‘s Hospiz

Mein Bruder, Pater Gerhard, bekommt einen Anruf. Er fragt mich: „Möchtest du mitkommen, ich bin gerufen worden. Ich gehe zu einem Sterbenden.“ Ich zögere nicht und komme schweigend mit. Ich weiß nicht was auf mich zukommt, ich fühle mich beklommen um mein Herz. Wir betreten eines der vier Sterbezimmer des Blessed Gérard’s Hospizes. Neben dem Bett des abgemagerten jungen Mannes sitzt eine „Care giver“ (eine freiwillige Helferin) und hält dessen Hand. Mein Bruder streicht ihm sanft über seinen Kopf und  gibt ihm die Krankensalbung und er betet weiter. Ich fühle Frieden in dem Raum, unglaublichen Frieden. Innerlich bin ich ganz ruhig geworden. Mittlerweile sind die Gebete beendet. Wir sind einfach da und schweigen. Der Sterbende bewegt sich kaum, manchmal ein Augenreflex, teilweise Atempausen. Ich höre das Ticken der Uhr, die an der Wand hängt. Das Ticken wird lauter in mir. Vieles geht mir durch den Kopf. Was alles hat dieser Mensch hinter sich, wie hat er gelebt? Die Vergänglichkeit, aus dem Leben gerissen werden, der Tod meiner Eltern, die Geburt meiner Kinder. -Und ich blicke auf die Hände, die ineinander ruhen. Über dem Bett ist ein Schild mit dem Namen des Patienten. Sein Vorname ist Christopher. Therapie: „Loving Care“(Liebende Sorge). Ich weiß nicht wie lange wir schon in dem Zimmer sind. Mein Bruder nickt mir zu und fordert mich zum gehen auf. Die Helferin lächelt uns an und wendet ihren Blick wieder dem Sterbenden zu. Draußen sagt Gerhard leise zu mir. „Es dauert noch.“ Auf dem Weg zu seinem Büro erklärt er mir wie ein Mensch aus dem Leben scheidet. „Weißt Du“, sagt er „wir sind hier ein Hospiz. Die Menschen sterben hier einen würdigen Tod und sind nicht allein. Oft liegen Todkranke unversorgt in ihren Hütten in den eigenen Fäkalien und sterben einen grausamen Tod. Wenn die Patienten hierher kommen werden sie erst einmal gewaschen, wenn möglich gebadet. Sie liegen vielleicht das erste Mal in ihrem Leben in einem sauberen Bett. Sie bekommen Nahrung, medizinische Versorgung und  liebende Fürsorge. Ich sage immer es ist für die Kranken ein Kulturschock der Liebe.“ Und jetzt wo ich das hier alles hautnah miterlebe, spüre ich es und verstehe wovon er spricht.                 



Alle Kranken und Sterbezimmer im Blessed Gérard’s Hospiz tragen die Namen von Heiligen und selig gesprochenen des Malteserordens, der vom Seligen Gerhard im Jahre ? in Jerusalem gegründet wurde. Das Wirken wird im Gemälde am Ende des Ganges des Hospizes dargestellt. Mein Bruder hat sich den Namen des Ordensgründers des Malteserordens als seinen Ordensnamen gewünscht, als er am 01.09.1982 in den Orden der Missionsbenediktiner in St. Ottilien, beim heutigen Abtprimas der Benediktiner Notker Wolf eingetreten ist.    

Der Mensch bleibt Mensch im Mittelpunkt professioneller Hilfe



„Sie werden niemals getadelt, wenn sie Zeit bei einem Patienten verbringen. Und wenn der Kranke Sie eine Stunde braucht oder länger, um zu reden oder einfach, dass Sie seine Hand halten.“ Das erfährt jede Pflegekraft beim Einstellungsgespräch. Hauptamtliche vor allem zahlreiche ehrenamtliche Helfer machen diesen Himmel an Pflege möglich. Die von einer Vollkrankenschwester professionell geführte Krankenstation besteht aus drei? großen Räumen in denen jeweils 12? Betten stehen. Jedes Bett kann mit einem dichten Vorhang abgetrennt werden, was bei jeder Untersuchung des Arztes oder bei der individuellen Versorgung des Kranken selbstverständlich ist. Der Raum ist hell und freundlich und auffällig gut gelüftet. Von jedem Krankenzimmer aus können die Betten auch auf die große, extra dafür ausgerichtete Terrasse geschoben werden, damit vor allem die an Tuberkulose erkrankten Patienten Sonne und frische Luft tanken können. Das trägt sehr zur Gesundung der Erkrankten bei. Dort trainieren nicht Bettlägerige in angeleiteter  therapeutischer Gruppengymnastik ihre Muskulatur und sie freuen sich und lachen dabei, obwohl es für sie anstrengend ist. Ein mit vier Betten ausgestatteter Mutter-Kind Raum ist momentan mit vier jungen Männern belegt, da momentan keine Mutter mit Kind im Hospiz ist.

Die Stimmung in den Krankenzimmern ist freundlich und jeder Patient wird individuell versorgt.                   




 

Bekommt ein Kranker mehr als drei Besucher, dann wird der Patient je nachdem mit dem Rollstuhl oder mit dem Krankenbett in das große Besucherzimmer geschoben, das gleichzeitig auch als Aufenthaltsraum für die Kranken dient.

Im Hintergrund arbeiten viele fleißige Hände ineinander. Sei es in der Küche, in der Wäscherei oder im Bad und Fäkalienraum.     




Am Tag vor Heiligabend - 23. Dezember 2007

Am Tag vor Heiligabend

Es war einen Tag vor Heiligabend als der kleine, knapp 5 Monate alte Hawukelani* von seiner Mutter zu uns gebracht wurde. Er hatte Durchfall, erbrach ständig und wollte auch nicht mehr richtig trinken. So nahmen wir ihn bei uns auf der Kinderstation im Hospiz auf. Wir versuchten, ihn immer und immer wieder Nahrung in kleinen Mengen anzubieten, damit er nicht gleich wieder erbrechen würde. Es brauchte viel Geduld und Zeit. Und da wir im Moment nicht so viele Kinder hatten, konnte ich mich sehr intensiv um Hawukelani kümmern.

Und so begann ich mich mehr und mehr auf und mit ihm einzulassen. Er war ziemlich schwach und wir päppelten ihn wieder ein bisschen auf. Es war ein ständiges auf und ab. Mal ging es ihm gut und ein paar Tage später hatte er wieder Durchfall und erbrach erneut. Dann ging es ihm wieder besser. Aber seit zwei Wochen wurde er immer schwächer. Die letzten Tage hat er kaum noch gegessen und getrunken. Und ich merkte, wie mir dieser Kleine mehr und mehr ans Herz wuchs und so schenkte ich ihm immer mehr meiner Zeit und Liebe. Das ist es was wir hier alle verschenken können.

Es ist Sonntagmorgen 7.00 Uhr. Ich komme ins Babyzimmer und es fällt mir auf, dass es Hawukelani nicht gut geht. Seine Atmung ist nicht in Ordnung. Ich zeige ihn der Schwester und sie sagt, dass es nicht gut um ihn bestellt sei. Ich wasche die anderen Babys, werfe aber immer wieder einen Blick auf Hawukelani. Ich gehe frühstücken, aber so richtig essen kann ich auch nichts, ich bin doch mehr mit den Gedanken bei Hawukelani. Inzwischen ist Schwester Sheilagh im Zimmer und achtet auf die Babys. Als ich wiederkomme sind die Schwester und Hawukelani nicht mehr im Zimmer. Ich gehe ins Schwesternzimmer, wo sie mit im auf dem Arm sitzt. Tränen laufen ihr übers Gesicht und Pater Gerhard ist auch da. Ich sehe, Hawukelani lebt noch, aber es ist abzusehen, dass er sterben wird und vermutlich noch am selben Tag. Schwester Sheilagh legt ihn mir in den Arm und sagt, sie versuche seine Mutter zu erreichen, was dann geklappt hat und sie wollte auch kommen. Inzwischen ist es 9.30 Uhr und ich gehe mit dem sterbenden Baby in die Kirche zum Gottesdienst, es geht ihm immer schlechter und er hat kaum noch Kraft zu schreien. Ich sehe wohl, dass er weinen will, aber er ist zu schwach dazu.

Nach der Kirche setzte ich mich ins Zimmer und wartete auf seine Mutter, die kurz darauf auch kam. Sie erzählte, dass ihre gesamte Familie keine Ahnung von der Existenz des Babys hätte und sie lebte mit Hawukelani allein. Es ist hier recht häufig so, dass keiner von der Familie mehr etwas mit einem zu tun haben will, sobald sie erfahren, dass einer HIV-positiv ist oder gar AIDS schon ausgebrochen ist.  Nun haben aber beide, Hawukelani und seine Mutter AIDS. Daher war sie bereits von ihrer Familie ausgestoßen, noch bevor ihre Schwangerschaft sichtbar war, und der Vater wollte auch nichts mehr mit ihr zu tun haben. Sie rief ihn aber trotzdem an und sagte ihm, dass Hawukelani im Sterben liege und er versprach zu kommen, aber er kam nicht. Mittlerweile war es etwa 11.30 Uhr und Hawukelani wurde zusehends ruhiger. Die Atemabstände wurden größer und er wurde immer schwächer und sah ganz entspannt aus. Seine Mutter und ich waren in Tränen und wir konnten nichts tun außer zu warten, weiter zu warten, zu beten und zu hoffen. Hoffen, dass er es bald besser hätte. Um 12.10 Uhr starb er und es tat mir sehr, sehr weh, denn ich habe ihn doch sehr lieb gehabt und er wird mir fehlen.

Wir legten ihn aufs Bett und weinten beide. Er sah so friedlich und süß aus wie er so dalag auf dem Bett. Hawukelanis Mutter heulte wohl auch weil sie jetzt ganz alleine ist. Wir beide waren sehr traurig und werden ihn sehr vermissen.

Unsere dienst habende Krankenschwester war sehr lieb zu mir. Sie meinte " wir fahren jetzt raus mit dem Krankenwagen und holen einen Patienten ab. Komm! Du fährst! Du musst jetzt hier raus!" Das war wirklich nett von ihr. Auch Gloria aus der Wäscherei sagte, es täte ihr leid und sie hätte doch immer gesehen, mit wie viel Liebe ich mich um die Kleinen sorge, und wenn ich eines Tages oben anklopfe, dann wird der Herrgott sagen: "Komm, Angelika, da sind all deine Babys! Geh hin zu ihnen!" Es hat mich schon sehr berührt, dass sie so etwas gesagt hat. Den ganzen Tag ging es mir nicht besonders gut und ich weiß, dass es nicht das letzte mal gewesen sein wird, denn ein Hospiz ist nun mal in aller Regel die "letzte Station" des irdischen Lebens. Wenn wir diese für unsere kleinen und großen Patienten zu einer würdevollen Erfahrung des Geliebt seins und der Geborgenheit machen können, dann haben wir unsere Aufgabe redlich erfüllt.

* Der Name Hawukelani (Zulu für "habt Erbarmen") ist nicht sein wirklicher Name.

Angelika Müller


Geschenk des Herrn - September 2007

Geschenk des Herrn

Siphosenkosi war sein Name.

Das bedeutet in der Zulusprache "Geschenk des Herrn" und wir nannten ihn alle kurz einfach "Sipho".

Der eineinhalbjährige Sipho kam am 2. Oktober 2003 zu uns. Die Sozialarbeiterin des Krankenhauses in Stanger suchte einen Platz für ein Waisenkind, das an Tuberkulose litt und HIV-positiv war und natürlich sagten wir nicht nein. Die Mutter war unbekannt und der Vater kümmerte sich nicht um seinen Sohn. Später erfuhren wir, dass er inzwischen auch an AIDS verstorben war.

Es dauerte lange bis wir seine Tuberkulose behandelt hatten und anfangs hatte er schreckliche Hautausschläge. Aber er erholte sich dann auch durch die Behandlung seiner opportunistischen Infektionen, gute Ernährung und viel Liebe, die wir ihm schenken konnten.

Er wurde zusehends kräftiger und wurde bald aus dem Hospiz entlassen und lebte dann im Kinderheim unter demselben Dach.


2004

Er entwickelte sich recht gut, wuchs auf wie jedes andere Kind, nur war er immer recht zurückhaltend und etwas scheu.


Weihnachten 2004 mit Susanne Stauffer


2005

8.7.2005 mit Gabi Rauecker31.10.200529.11.2005

2006

27.8.20066.9.2006 mit Angelika Müller15.10.2006

2007

Im Januar 2007 war Sipho dann soweit, dass er in den Kindergarten gehen konnte. Das bereitete ihm sehr große Freude.

15.3.200721.6.2007 mit Max Rauecker

Angelika Müller berichtet:

11.7.2007: Es ist ein ganz normaler Arbeitstag für mich. Ich beginne meinen Dienst um 6.45 mit der Pflegekonferenz. Dann gehe ich ins Kinderzimmer und schaue nach wie es „meinen“ Kindern geht da ich 2 Tage frei hatte. Sipho ist da.

Sipho ist heute ein 5 Jahre alter Junge. Ihm geht es nicht so gut, also soll er sich für ein paar Tage hier im Hospiz erholen und wieder zu Kräften kommen.

Ich gehe zu seinem Bett und sage Hallo zu ihm. Er scheint sich zu freuen, denn er kennt mich, weil er schon öfter im Hospiz war und ich auch im Kinderheim gearbeitet habe. So sind wir uns nicht fremd.

Dann fange ich an mit der täglichen Morgenpflege. Ich habe Glück, dass in meinem Kinderzimmer ein Bad mit Badewanne ist und nicht mit Dusche. So können alle Kinder erst mal ein Bad bekommen. Das dauert auch immer so seine Zeit, weil die kleinen Geister natürlich wahnsinnig gerne baden und vor allem auch in der Wanne spielen. Und das sollen und dürfen sie auch. Anschließend gibt es Frühstück und Sipho isst auch ein wenig.

Pater Gerhard versucht inzwischen alles zu veranlassen, dass Sipho auf ARVs gesetzt werden kann und sich sein Leben dadurch verbessert. Aber das ist aus juristischen Gründen alles nicht so einfach.

Die nächsten Wochen sind ein ständiges auf und ab. Mal geht es ihm etwas besser, dann isst und trinkt er auch und wir können etwas spielen oder er malt ein wenig. Andere Tage da geht’s ihm wieder sehr schlecht und er hat Schwierigkeiten seine Medikamente zu nehmen, will nichts essen und nichts trinken. Als sich sein Zustand aber nicht mehr bessert, beschließt unsere Ärztin ihn ins Krankenhaus einzuweisen.

Schwester Sheilagh und ich fahren mit ihm nach Stanger ins Krankenhaus. Da ist es wie immer sehr voll und da die Ärzte gerade zum Frühstück sind müssen wir warten. Endlich kommt eine sehr nette Ärztin, der wir alles erzählen. Sie guckt sich Sipho an, nimmt erst mal Blut ab und wieder müssen wir warten, diesmal auf das Ergebnis. Dann endlich ist das Ergebnis da und noch ein anderer Arzt schaut sich Sipho an. Es wird uns mitgeteilt, dass sie Sipho einstweilen dabehalten und die Aussichten nicht besonders gut sind für ihn. Er bekommt einen Tropf und wird auf die Kinderstation verlegt. Wir fahren zurück ins Care-Zentrum.


Jeden Abend fahren Susanne Stauffer und Pater Gerhard ins Krankenhaus und besuchen Sipho und schauen, wie es ihm geht. Leider verschlechtert sich sein Zustand ständig und es sieht nicht gut aus. Drei Wünsche hat er immer wieder: Er bittet um Süßigkeiten und Wasser und möchte auf den Schoß gesetzt werden und diese letzten Wünsche haben wir ihm sehr gern erfüllt.

Pater Gerhard hat mit Hilfe der Sozialarbeiterin von Mandeni Helma Lintvelt alle Hürden genommen, wurde vom Vormundschaftsgericht als gesetzlicher Vormund eingesetzt und kann daher Sipho ins ARV-Programm nehmen, denn ohne Zustimmung des Erziehungsberechtigten ist dies natürlich nicht möglich. Leider war es aber zu spät für ihn. Nur zwei Tage nachdem er mit der antiretroviralen Behandlung begonnen hatte starb er am 3. September 2007.


Unsere letzten Bilder von Sipho am 1.9.2007, zwei Tage vor seinem Tod.

In unserem Hospiz sterben sehr viele, auch Kinder, aber Sipho war das erste Kind aus unserem Kinderheim, das verstorben ist. Selbstverständlich haben wir am 7. September 2007 die Beerdigung auch im familiären Rahmen der Hausgemeinschaft des Kinderheimes gehalten. Alle Kinder und die Betreuer waren da, als Pater Gerhard das Requiem in der Blessed Gérard's Kirche hielt.


Nach der Predigt wurden alle Kinder eingeladen, einen letzten Gruss für Sipho aufzuschreiben. Die Zettel durften sie vor Siphos Bild neben dem Sarg niederlegen.


Susanne Stauffer entzündete jedes Mal, wenn ein Kind einen Zettel niederlegte, eine Kerze an der Osterkerze und stellte sie als Zeichen der Liebe, die uns mit Sipho und dem Herrgott verbindet, um ein rotes Herz herum neben dem Sarg auf. Das ewige Licht leuchte ihm!


Anschließend fuhren alle gemeinsam mit mehreren Fahrzeugen zum Friedhof der Abtei Inkamana, wo ihn Pater Gerhard zur letzen Ruhe bettete.


Nyekeni - Mai 2007

Nyekeni

Es ist Mittwoch der 9. Mai. Wir bekamen einen Anruf für einen Hausbesuch. Im Prinzip nichts Ungewöhnliches, denn oft rufen Verwandte oder Nachbarn bei uns an und teilen uns mit, dass es einen Kranken in der Verwandtschaft oder Nachbarschaft gibt. Wir fahren dann hin und schauen, was zu tun ist. Ob wir ihn mit ins Carezentrum nehmen oder ob er in die Basisgesundheitsstation muss oder ins Krankenhaus wird vor Ort entschieden. Dieser Anruf kam von einer Frau, deren Nichte es wohl schlecht geht. Also fahren wir hin und wollen uns das Kind ansehen. Als wir ankamen fanden wir Nyekeni*, ein etwa 4jähriges Mädchen völlig apathisch, mit offener Windel, auf dem Sofa liegen. Die Tante erzählte uns, das Kind hätte schon seit längerer Zeit Durchfall und seit etwa einer Woche laufe sie nicht mehr. Nyekeni lebte bei ihrer Tante und dem Onkel, da beide Eltern gestorben waren. Die Schwester nahm alle Formalitäten auf und wir nahmen Nyekeni mit zu uns ins Carezentrum.

Sie wirkte sehr verstört, lief nicht, redete nicht und konnte auch nicht richtig essen. Als ich sie baden und waschen wollte, gab es große Probleme, denn sie wollte sich nicht ins Wasser setzen und schon gar nicht waschen lassen, vor allem nicht im Intimbereich. Beim Abtrocknen und Eincremen bemerkte ich, dass irgendwas nicht stimmt und sagte unserer Krankenschwester bescheid. Sie schaute sich die Kleine an und stimmte mir zu. Sie holte unsere Ärztin, die das Kind untersuchte und meinte, auf alle Fälle sei an der kleinen „manipuliert“ worden. Der daraufhin hinzugezogene Amtsarzt stellte fest, dass es sich nicht um eine Vergewaltigung gehandelt hatte, doch die Tatsache, dass sie so verstört war und nicht mehr laufen und sprechen konnte oder wollte, war doch ein deutliches Anzeichen, dass Nyekeni missbraucht worden war. Die Polizei war zufrieden mit dem amtsärztlichen Zeugnis und leitete wohl aus Mangel an Beweisen keine Ermittlungen ein.

Seit jeher haben wir uns in unserem Carezentrum nicht nur um Sterbende angenommen, sondern auch um Menschen, die sonst keine Hilfe bekommen würden und so war es für uns ganz selbstverständlich, dass Nyekeni vorerst bei uns bleiben konnte. Wir versuchten nun zu erreichen, dass die Kleine sich bei uns wohl fühlt und spürt, dass sie keine Angst haben muss. Sie stopfte immer so viel in den Mund, dass sie die Menge kaum kauen konnte und hatte inzwischen aber schon wieder beide Hände  mit Essen voll, um es nachzustopfen. Das war schon sehr auffällig. Beim täglichen Waschen versuchte ich ihr beizubringen, dass sie das alleine machen kann, gerade im Intimbereich, wo sie das nun überhaupt nicht wollte, dass da jemand rankommt.

Nach ein paar Tagen probierten wir die ersten Gehversuche, es war sehr mühsam für sie und ohne Hilfe klappte es auch gar nicht, aber wir übten fleißig, denn sie wollte natürlich wie alle Kinder auch im Zimmer und auf der Terrasse herumlaufen.

Nach ein paar Wochen sah man schon einen Erfolg, wenigstens beim Laufen. Mit dem Essen klappte es noch nicht so gut und sprechen wollte sie überhaupt nicht. Sie spielte mit den Kindern, kam kuscheln wie die anderen auch, aber irgendwie wirkte sie immer noch sehr verstört. Sie machte weiter gute Fortschritte was das Laufen, Essen und Spielen mit den Kindern betraf.

Wochen später konnte Nyekeni entlassen werden, nachdem es ihr wesentlich besser ging und wir müssen darauf vertrauen, dass die hinzugezogene Sozialarbeiterin das Umfeld so saniert hat, dass es ihr auch weiterhin gut gehen wird.

Angelika Müller

* Nyekeni (Zulu für "Laßt mich in Frieden!") ist nicht ihr wirklicher Name.


Erinnerung an Menzi - Weihnachten 2005

Zur Erinnerung an Menzi

von Sr. Sheilagh Schröder

Es war buchstäblich eine Gebetserhörung, dass ich dazu kam, für Blessed Gérard’s Care Centre zu arbeiten. Ich war halbtags in England in der Pflege beschäftigt gewesen und hatte wirklich große Freude an der Arbeit und an den Reisen, die damit verbunden waren, aber dann kam eine Zeit, in der sich meine Schwerpunkte veränderten und ich hatte große Sehnsucht danach, wieder ständig nach Südafrika zurückzukehren, doch in der Gegend in der ich lebe, ist es schwer in der Krankenpflege eine Beschäftigung zu finden. Als ich im vergangenen August für einen Monat zu Hause war, setzte sich eine der Angestellten, Sr. Elizabeth Coetzer mit mir in Verbindung, ob ich nicht Interesse hätte mit ihr dort zu arbeiten. Ich konnte es gar nicht glauben und antwortete mit einem begeisterten Ja ohne jegliches Zögern.

Nun ist es schon fast ein Jahr her, dass ich dort angefangen habe und ich möchte Ihnen von einem kleinen Jungen erzählen, der mir ans Herz gewachsen ist. Die Verwaltung wurde von einer Sozialarbeiterin aus der Gegend von Eshowe wegen eines kleinen unterernährten Jungen, der immer wieder ins Krankenhaus musste, angesprochen. Wie so viele andere war auch er HIV-positiv und hatte eine durch AIDS bedingte Hauterkrankung. Vor Weihnachten 2004 wurde er im Blessed Gérard’s Hospiz stationär aufgenommen. Seine Hautkrankheit zeigte sich dadurch, dass sich ständig ganze Hautschichten ablösten und dabei zeitweise aufbrachen und bluteten. Das machte ihn sehr empfindlich und nichts schätzte er mehr als umarmt und gestreichelt zu werden. Eines Tages als ich dienstfrei hatte, weinte er, und auf die Frage, was er denn wollte, sagte er, er wollte die "Gogo" (Zulu für Großmutter). Keiner wußte, wen er meinte. So fragte man ihn: "Welche Gogo?" Er sagte "die weiße Oma" und meinte mich, die einzige weiße grauhaarige Mitarbeiterin. Das berührte mich sehr. Von da an ist er mir ganz tief ans Herz gewachsen. All die Kinder, um die wir uns annehmen, werden uns lieb und teuer und gottlob haben sie einen Platz gefunden wo sie viel Liebe und Sicherheit bekommen. Wenn sie sterben, so wie Menzi im Juli, ist das sehr traurig und wir trauern wie Eltern um diese kleinen Kerle. Ich habe keinen eigenen Enkel. So habe ich nachdem Menzi verstorben war, diese kleine Leiche in einen Schal eingeschlagen, den meine Mutter für meine Kinder gemacht hatte. Es gibt so viele AIDS Waisen in unserem Gebiet und die Gelder, die gespendet werden, um unser Zentrum am Laufen zu halten, tragen viel dazu bei, es vielen Kindern wie Menzi zu ermöglichen, ihre Erdentage in einer liebevollen und friedlichen Atmosphäre beschließen zu können.

Hilfe für die Abtei Inkamana - Weihnachten 2004

Hilfe für die Abtei Inkamana

Unser Präsident, Pater Gerhard, ist ein Missionsbenediktiner der Erzabtei St. Ottilien in Deutschland und wurde am 6. Januar 1987 als Missionar zur Abtei Inkamana in Südafrika ausgesandt. Als zwei seiner Mitbrüder, Br. Stefan und Abt Willibrord, schwerkrank wurden und rund um die Uhr Pflege brauchten, bat uns Abt Gottfried darum, sie in unserem Hospiz stationär aufzunehmen und wir stimmten sehr gerne zu.


Pater Gerhard, Abt Willibrord und Bruder Stefan

Br. Stefan Ebert OSB litt an der Motor Neuron Krankheit und verbrachte das Endstadium vom 11. März bis zu seinem Tod am 21. Mai 2004 bei uns. Er war immer ein Beispiel eines Mönches mit voller Hingabe gewesen. Auch in den letzten Zügen seines Leidens hat er nie seinen Glauben und seine Herzensgüte verloren.

Unser Mitglied Abt Willibrord van Rompaey OSB erlitt im März 2004 einen massiven Schlaganfall und selbst als er noch auf der Wachstation des Krankenhauses in Newcastle war, bestand er darauf, dass er zu uns verlegt werden wollte. Mit Ausnahme einiger notwendiger kurzer Krankenhausaufenthalte in Umhlanga Rocks verbrachte Abt Willibrord fast acht Monate bei uns, vom 18. März bis zu seinem Tod am 5. November 2004. Abt Willibrord war ein sehr gütiger, freundlicher und zutiefst dankbarer Patient, doch seine eigene Geduld wurde einer harten Prüfung unterzogen, weil seine Zuckerkrankheit und sein sehr schwaches Herz ihn fast blind und völlig unselbständig machten.

Vergelt’s Gott, Bruder Stefan und Abt Willibrord! Euer Aufenthalt bei uns war ein großes Privileg und ein tiefer Segen. R.I.P.

Wie der unreine Leprakranke ... - Weihnachten 2004

Wie der unreine Leprakranke ...

Die Geschichte von Thandi und ihrem Sohn Bhekithemba soll Ihnen einen Eindruck von der schrecklichen Lage vieler Leute in unserem Gebiet vermitteln und Ihnen zeigen, wie wir den Leuten sinnvoll und wirksam helfen:

Thandi ist eine 31jährige Mutter ohne Ausbildung und arbeitslos. Sie wohnt in einer ländlichen Gegend ungefähr 35 km von Mandeni entfernt und freut sich wahnsinnig, wenn ihr Freund aus Durban kommt, um sie zu besuchen. Als Sipho zur Tür hereinkommt, spürt Thandi gleich, dass irgend etwas nicht in Ordnung ist. Sie versucht herauszubekommen, was ihn bedrückt, aber er gibt ihr keine Antwort. In dieser Nacht tröstet sie ihn und wird schwanger, ohne zu bemerken, dass sie sich ernstlich in Gefahr begeben hat. Die ganze Zeit, in der Sipho bei ihr ist, hat sie ein ungutes Gefühl, kann aber nicht erkennen, worin die Schwierigkeit besteht. Thandi fragt Sipho über sein Leben in Durban aus, wo er arbeitet, und kommt zu dem Schluß, dass er dort mit einer anderen Frau zusammenlebt und möglicherweise ein oder zwei Kinder hat. Schließlich gesteht er, dass er sie mit einer anderen Frau betrogen hat. All seine Versprechungen, die lobola, den Brautpreis, für sie zu zahlen, lösen sich auf - und damit die Hoffnung auf eine Ehe: Auf einen Schlag hat sie keine Zukunft mehr, auf die sie sich freuen könnte. Auch ihre Familie ist sehr enttäuscht. Sipho fährt nach Durban davon, ohne je zu Thandi zurückkehren zu wollen. Sie ist am Boden zerstört. Nach ungefähr zwei Monaten bestätigt sich Thandis nagender Verdacht, denn die Schwester im Krankenhaus sagt ihr, dass sie schwanger ist. Zugleich nimmt die Schwester die Routineblutuntersuchung vor. Thandi stellt sich als HIV-negativ heraus. Ein Gefühl der Erleichterung durchströmt Thandi. Aber das hat keinen Bestand, denn bei der nächsten Schwangerenuntersuchung macht die Krankenschwester einen weiteren Bluttest, und dieses Mal stellt sich heraus, dass Thandi HIV-positiv ist. Die Gefühle der Verzweiflung, Qual und Enttäuschung sind fast unerträglich. Dann versichert ihr die Krankenschwester, dass es eine Möglichkeit gebe, dass ihr Baby nicht notwendig mit dem HI-Virus angesteckt wird. Die Monate vergehen und in Thandi wächst die Liebe zu dem kleinen Baby, das sie unter dem Herzen trägt. Bei der Geburt sieht ihr Bübchen gesund aus. Sie gibt ihm den Namen Bhekithemba. Im Laufe von vier Jahren beginnen sich bei Thandi AIDS-Symptome zu zeigen. Sie wird schwächer, magert ab, entwickelt eine Lungentuberkulose und ein Kaposi-Sarkom (einen AIDS-bezogenen Hautkrebs), und auch Bhekithemba wird jetzt als HIV-positiv getestet und bekommt ebenfalls Lungen-TBC. Sie wohnen im Kraal (einer ländlichen Zulubehausung aus mehreren Lehmhütten) ihrer Eltern, aber die Familie hat sie völlig ausgestoßen. Sie verweigert ihr den Zugang zu der gemeinsamen Familienhütte und isoliert sie in einer eigenen abgelegenen kleinen Hütte. Den anderen Kindern wird verboten, mit Bhekithemba zu spielen. Thandi und Bhekithemba sind beide einsam und niedergeschlagen. Weil sie zu krank sind, um sich alleine durchzuschlagen, werden sie mit Nahrung versorgt; und zwar stellt ein Kind eine Schüssel auf den Boden, stößt sie unter der Türe durch und läuft dann davon. Wie der "unreine Leprakranke" aus der Bibel sind sie völlig verlassen. Es gibt kein Wasser zum Trinken oder Waschen und keine Toilette. Man kann nur ahnen, wie Thandi an der Erniedrigung und unwürdigen Behandlung leiden muss. Ihre eigene Familie verstößt sie und behandelt sie schlechter als die Ziegen und Hunde draußen! Irgendwie hören die Sozialarbeiter von Thandis und Bhekithembas Notlage. Sie besuchen den Kraal und entdecken die widerlichen und unmenschlichen Umstände, denen die beiden ausgesetzt sind. Die Sozialarbeiterin wendet sich an das Blessed Gérard's Care Centre, das nicht zögert, sowohl für Thandi als auch für Bhekithemba einen Platz zu bereiten. Am nächsten Tag bringt sie die Sozialarbeiterin ins Hospiz. Sie sind schwach, schmutzig und verzweifelt. Thandi ist nun in einem Krankenzimmer mit acht anderen Frauen, deren Gesundheitszustand noch schlechter ist als ihrer. Bhekithembas Zustand verbessert sich gewaltig, weil er eine Menge guter Nahrung und all die nötigen Medikamente erhält, so dass er innerhalb einer Woche ins Blessed Gerard's Kinderheim verlegt werden kann. Mit den anderen Kindern nimmt er an der Vorschulerziehung teil und besucht seine Mutter jeden Nachmittag. Die Sozialarbeiterin möchte, dass Thandis Angehörige ihre Tochter und ihren Enkel im Blessed Gerard’s Hospiz besuchen und sich über HIV / AIDS aufklären lassen, das sie in so irrationalem Maße fürchten, doch sie weigern sich weiterhin, zu kommen. Thandi hat die Hoffnung aufgegeben, dass ihre Familie sie wieder zu Hause aufnehmen wird. Sie ist am Boden zerstört, dass sich keiner ihrer Verwandten die Mühe macht, sie zu besuchen. Sie hat sich aufgegeben und wird depressiv. Sie weigert sich zu essen und verliert noch mehr Gewicht. Sie bittet uns darum, ihren Sohn in unserem Kinderheim aufzunehmen, wenn sie gestorben ist. Das medizinische Personal und die Pflegekräfte versuchen ihr Bestes, um sie aus dieser Depression herauszubekommen. Aber es hilft nichts. Thandi bekommt Kopfschmerzen und schläft mehr und mehr. Die Medikamente, die sie vom Arzt bekommt, helfen auch nicht. So beschließen wir, sie ins Krankenhaus zu verlegen. Sie kehrt nie ins Hospiz zurück. Sie stirbt im Krankenhaus an Tuberkulose und Meningitis und lässt ihren kleinen Sohn zurück. Wie sollen wir es Bhekithemba beibringen, dass seine Mutter nie zurückkehren wird? Wie sollen wir der Familie beibringen, dass sie sich um den kleinen Jungen annehmen sollten? Über die Sozialarbeiterin nehmen wir Kontakt mit der Familie auf. Die haben kein Interesse und weigern sich sogar, Thandi zu beerdigen. Selbst von Bhekithemba wollen sie nichts wissen, der soll bei uns bleiben bis auch er stirbt. Bhekithemba hat offensichtlich nicht lange zu leben. Trotzdem geht er weiter in den Kindergarten mit den anderen Kindern. Wir behandeln all seine opportunistischen Infektionen und sorgen uns liebevoll um ihn und das braucht er am meisten.

* Dies ist eine wahre Geschichte nur die Namen sind aus Datenschutzgründen verändert.

In sechs Tagen ist Weihnachten ... (2004)

“In sechs Tagen ist Weihnachten ...

Heute werden meine Freunde und ich unsere Altersrente abholen. Wir treffen uns alle im Rentenbüro. Wir haben einander viel zu erzählen und dann werden wir Obst und Brot bei den Marktfrauen am Straßenrand außerhalb des Rentenbüros kaufen. Heute sollte ein fröhlicher Tag werden bei all der Vorfreude auf Weihnachten. Aber es gibt keine Freude, keine freudige Erwartung. Im Gegenteil, die meisten von uns sind erschöpft, nicht nur weil wir bei der Hitze und Sonnenglut lange Wege zu Fuß laufen müssen, auch weil wir unsere erwachsenen Kinder, die an AIDS leiden, pflegen müssen und versuchen uns um all die Enkelkinder anzunehmen. Nokuthula, meine 26-jährige Tochter starb im Oktober an von AIDS bedingten Infektionen. Sie ließ mir ihre drei Kinder zurück und ich muss mich um sie kümmern. Die jüngste davon heißt Mbali. Mbali ist jetzt vier Jahre alt und hat nun dieselben Krankheitsanzeichen, die auch ihre Mutter hatte. Sie ist zu schwach zum Gehen, so muss ich sie auf dem Rücken mit mir herumtragen. Thokozani (7 Jahre) und Fikile (6 Jahre) sind auch noch zu klein, um allein daheim bleiben zu können und das in einer Gegend, in der Gewalt, Vergewaltigung und Kindsmißhandlung zum Alltag gehören. Wir müssen ganz schön erbärmlich aussehen, wenn wir gemeinsam auf den schlammigen Pfaden entlang gehen. Mbali und ihre Mutter waren eng miteinander verbunden, zumal sie zweieinhalb Jahre lang gestillt wurde. Aber es war diese Liebe, die ihr Schicksal besiegeln sollte, da auch sie jetzt AIDS im Endstadium hat. Mbalis Vater starb 2002. Wie ich so das Rentenbüro verlasse und meine paar Orangen und den Laib Brot von den Marktfrauen am Straßenrand fürs Abendessen nach Hause trage, geht mir durch den Kopf, was wohl mit den Kindern geschehen wird, wenn ich mal sterbe. Ich bin jetzt 82 und nicht allzu kräftig. Doch ich habe nicht viel Zeit zum Nachdenken, ich habe noch viel dringendere Probleme. Mbali weint, sie hat Durchfall, Mundfäule, verweigert jede Nahrung und ist nur noch Haut und Knochen. Wie soll ich damit nur fertig werden? Eine meiner Freundinnen erzählt mir vom Blessed Gérard’s Hospiz, wo man sich um ihre Tochter angenommen hatte. Sie war so beeindruckt, dass sie vorschlug, ich solle mit Mbali dorthin gehen. Ich drehe um und marschiere die acht Kilometer mit Mbali auf dem Rücken und Thokozani und Fikile hinter mir. Endlich erreiche ich Blessed Gérard’s Hospiz. Ich werde mit menschlicher Wärme und Respekt an der Rezeption empfangen. Es ist angenehm kühl hier drin und wir können uns endlich niedersetzen. Mbali ist so schwach, dass sie am Boden liegt. Eine Krankenschwester kommt und hebt sie auf; man bringt uns in einen Aufenthaltsraum, wo wir etwas Kühles zum Trinken angeboten bekommen. Die Krankenschwester bringt Mbali zum Untersuchungsraum. Dort beschließen wir gemeinsam, dass sie stationär ins Hospiz aufgenommen werden soll. Ich bin zwar sehr traurig, aber das Herz wird mir auf einmal viel leichter und ich bin so dankbar. Die Leute sind so lieb zu mir und zu den Kindern. Mbali wird in ein schönes sauberes Zimmer gebracht, wo auch andere Kinder sind, aber sie ist zu schwach, um das überhaupt wahrzunehmen. Ich gehe mit beschwingten Schritten von hier weg, obwohl es weit nach Hause ist, aber ich weiß, Mbali ist in guten Händen.

Die mitfühlenden und aufmerksamen Leute im Blessed Gérard’s Hospiz haben mir gesagt, wenn Mbali etwas kräftiger ist, werden sie sie ins Obergeschoß ins Blessed Gérard’s Kinderheim bringen, wo sie dann spielen und lernen kann und mit viel Liebe umsorgt wird.

Ich danke Euch, den Leuten, die im Blessed Gérard’s Hospiz und im Blessed Gérard’s Kinderheim mitarbeiten. Ihr habt mir enorm geholfen. Ich weiß, dass Mbali alle Pflege bekommt, die sie braucht, so kann ich mit ihrer Schwester und ihrem Bruder Weihnachten in Freude feiern.”

Nachwort: Mbali hatte wirklich ein frohes Weihnachtsfest, aber ihr Zustand verschlechterte sich im Lauf der nächsten paar Wochen und schließlich rief Gott sie Ende Februar 2004 zu sich.

Sduduzos Geschichte - Weihnachten 2003

Jetzt bin ich glücklich, Ich habe keine Schmerzen und keine Angst mehr!

- Sduduzos Mutter erzählt sein und ihre eigene Geschichte -

Ich heiße Mpume und im Juli 2000 war ich, so wie jeder andere, glücklich und blickte voll Zuversicht in die Zukunft. Ich war 29 Jahre alt und die Welt lag mir zu Füßen. Ich war von Mandeni nach Durban gezogen, um nach Arbeit zu suchen. Dort ging ich mit ein paar meiner neuen Freunde auf eine Party und dort traf ich einen Mann, der alle Eigenschaften hatte, die ich mochte. Im nächsten April gebar ich seinen Sohn. Sduduzo war ein großes quietschfideles Baby – doch sein Vater nahm sich nie Zeit, für ihn zu sorgen. Im Gegenteil, er gab mir den Laufpaß als er hörte, dass ich von ihm schwanger war. Er bezichtigte mich der Lüge und das Kind könnte ja von jedem anderen Mann sein. Ich habe geheult, aber beschloß mein Leben so gut als möglich in meine eigenen Hände zu nehmen. Mein lieber kleiner Sduduzo war gesund und wuchs prächtig. Aber ich fühlte mich zunehmend abgeschlafft und musste dauernd husten. In der Zwischenzeit lernte ich einen anderen Mann kennen, der für meinen Sohn wie ein guter Vater war. Sduduzo und ich sind mit ihm zusammengezogen. Er war so gut zu uns und half uns mit unseren Problemen fertig zu werden. Mir ging es zunehmend schlechter und dann fand ich heraus, dass ich wieder schwanger war. Buyi, mein Lebensgefährte, sorgte für uns alle. Ich bin überzeugt, dass er meinen Sohn und mich wirklich geliebt hat. Im Verlauf meiner Schwangerschaft ging ich regelmäßig zu unserer örtlichen Klinik zur Untersuchung. Ich war gerade 30 Jahre alt, in der Fülle meines Lebens. Da war ich wie vom Blitz getroffen. Eine Katastrophe: Die Schwester in der Klinik hatte mir Blut abgenommen. Sie bot mir einen Stuhl an und sagte mir dann, dass ich HIV-positiv bin, dass mein CD4-Wert sehr niedrig ist, dass ich an AIDS im Stadium 3 leide und eine Lungentuberkulose habe. Ich war am Boden zerstört! Was soll ich jetzt nur tun? Was wird mit Sduduzo geschehen? Was wird mit dem Baby in meinem Leib geschehen? Wird mir die Klinik antiretrovirale Medikamente geben? Wie lange habe ich noch zu leben? Ist Buyi auch HIV-positiv? Fragen über Fragen gingen mir durch den Kopf. Meine Welt brach zusammen. Ich war hilflos. Die Schwestern in der Klinik gaben mir TB-Medizin, die brachte mich zum Erbrechen. Sie gaben mir Multivitamin und Eisentabletten, aber die halfen auch nicht wirklich. Sie gaben mir Schmerzmittel und etwas gegen Durchfall. Ich nahm immer mehr ab, obwohl ich schwanger war. Buyis und mein Sohn wurde im August 2003 geboren. Ich war so geschwächt, dass wir nicht mehr rechtzeitig ins Krankenhaus kamen. Das Baby kam zu Hause auf die Welt, aber auch er war sehr krank und überlebte nicht. Jetzt musste ich mein kleines Baby begraben. Nun war es Buyi mit meinem zweijährigen Sohn und mir zu viel geworden. Wir zogen ins Haus meiner Mutter um, in dem sie mit meinem Bruder lebte. Eines Nachts kam er spät nach Hause. Er hatte sich vollaufen lassen und war schrecklich aufgelegt. Meine Mutter stritt mit ihm, weil er betrunken war. Er griff zum Messer und erstach sie direkt vor unseren Augen. Ich war viel zu schwach, um auch nur irgend etwas zu tun. Sduduzo rannte zu Mama, die am Boden lag. Er brüllte „Oma! Oooomaaaa!” Aber es war zu spät. Sie war schon tot. Mein Bruder trat auf Sduduzo mit seinen Füßen ein, sein schwerer Stiefel schmetterte auf Sduduzos Kopf, er flog durch die Luft und fiel bewußtlos zu Boden. Ich kann mich gar nicht erinnern was dann geschah, es war alles völlig verschwommen. Das nächste woran ich mich erinnern kann ist, dass ich an Sduduzos Bett im Krankenhaus saß. Sein ganzer Kopf war mit Binden eingehüllt. Er hatte einen Schädelbruch und einen Trommelfellriß. Ich fragte mich immer wieder, warum all das gerade uns zustoßen muss. Ich habe nie jemand etwas zuleide getan. Da kam Buyi, er sagte ich solle besser nach Mandeni zurück gehen, wo meine Schwester lebt. Ich hatte ein wirklich schlechtes Gewissen, weil ich mit Zama nie gesprochen hatte, seit ich von dort weggezogen war. Sie hatte von all meinen Nöten absolut keine Ahnung. Nun kam ich in Zamas Kraal an, wo sie mit ihrem arbeitslosen Mann und drei Kindern lebte. Zama sah auf den ersten Blick, dass sie nicht in der Lage war für Sduduzo und mich zu sorgen. Sie hatte keinen blassen Dunst wie man einen schwerst AIDS-Kranken pflegt und sie hatte nicht einmal genug Geld, ihre eigenen Kinder zu ernähren. Ich wußte, dass ich von ihr und ihrem Mann zu viel verlangte. Trotzdem ließ uns Zama nicht im Stich: Sie brachte uns zu Blessed Gérard’s Hospiz.

Sduduzo war bei der Aufnahme noch sehr verängstigt und hatte schlimme Schmerzen. Die Schwestern nahmen Sduduzo und mich auf und sorgten für uns beide. So konnte ich noch mit meinem herzigen Sduduzo zusammensein bis mich Gott drei Tage später zu sich rief. Jetzt bin ich wieder mit meiner Mutter und meinem winzigen Baby vereint. Sduduzo wird nun im Blessed Gérard’s Kinderheim liebend umsorgt. Sein Ohr hat zu eitern aufgehört, er hat viele Freunde und er lacht auch wieder. Jetzt bin ich glücklich und ich schaue gern zu ihm herunter, weil er eine gesicherte Zukunft hat in den Händen von Menschen, die sich wirklich um ihn und andere annehmen.


Diese Geschichte ist wahr und Sduduzo ist nach wie vor bei uns (siehe Foto), nur die Namen aller Personen, außer Sduduzo wurden zum Schutz der Betroffenen geändert.

Der vierjährige Thembinkosi stirbt - 9. April 2002

Der deutsche Fernsehkanal ProSieben sendete am 9. April 2002 in seinem SAM Programm eine sehr bewegende Reportage über unsere Arbeit.

Redaktion: Sabine Albersdörfer · Länge: 7:50 min

AIDS

Bei uns in Deutschland wird über die tödliche Immunschwäche eigentlich kaum noch gesprochen. In Afrika rafft sie aber einen ganzen Kontinent dahin. Jede Woche sterben in Südafrika fast tausend Menschen an den Folgen von AIDS. Schon im vergangen Jahr waren wir dort und besuchten den dreijährigen Thembinkosi und seine Mutter. Beide hatten Aids. Die Mutter bereits im Endstadium und sie starb auch bald nach unseren Dreharbeiten an der tödlichen Krankheit. Noch vor ihrem Tod hat sie ihren kleinen Jungen in ein Hospiz gebracht und gesagt: "Kümmert Euch um ihn bis auch er stirbt!"

Thembinkosi stöhnt vor Schmerzen. Der 3jährige wiegt nur noch zehn Kilo. Immer öfter quälen ihn Fieberschübe. Sein kleiner Körper kämpft gegen eine unheilbare Krankheit: Thembinkosi hat Aids. Aids im Endstadium.

Schwester Sindi, pflegt Thembinkosi „ Es bricht einem das Herz, wenn man ein kleines Kind mit solchen Schmerzen sieht. Thembinkosi weiß ja nicht, was mit ihm passiert. Er kann sich ja noch gar nicht richtig ausdrücken.“

Thembinkosis Mutter Khululiwe. Vor einem Jahr war sie im gleichen Zustand wie ihr Sohn jetzt: Aids im Endstadium. Bei Thembinkosi war die Krankheit damals noch nicht ausgebrochen.

Jetzt ist er kaum wiederzuerkennen: völlig abgemagert, kann kaum noch sprechen.

Khululiwe starb wenige Wochen nach diesen Filmaufnahmen. Die junge Frau schien schon zu ahnen, dass ihr Leben bald zu Ende geht.

Khululiwe, 18, starb vergangenen Oktober „Ich habe unglaubliche Schmerzen, bekomme kaum noch Luft und kann nicht mehr aufstehen. Ich weiß, dass ich bald sterben muss – und ich weiß, dass auch mein Sohn bald sterben wird.“

Und doch: wie viele der Patienten hier, hatte auch Khululiwe einen würdevollen Tod. Musste nicht, wie die meisten Aidskranken in Südafrika, jämmerlich zugrunde gehen.

Bis zuletzt erfuhr sie Liebe: im Hospiz von Pater Gerhard Lagleder. Seit gut fünf Jahren widmet der Mönch aus Bayern sein Leben den Menschen, die niemand mehr will: den Todkranken von KwaZulu Natal.

Pater Lagleder, sorgt für Aids-Kranke "Es ist eine AIDS-Hölle. Es ist ein Platz in dem AIDS so überhand genommen hat und das Problem ist, dass die Krankenhäuser völlig überfüllt sind. Die Krankenhäuser können mit den Patienten nicht mehr zurecht kommen und wenn die Krankenhäuser dann sehen 'Also dem können wir eh nicht mehr helfen' dann schicken sie die Leute einfach heim."

Sindi hat Thembinkosis Mutter Khululiwe bis zum Tod begleitet. Und jetzt tut sie alles, um den letzten Willen der Verstorbenen zu erfüllen.

Sindi: “Bevor Thembinkosis Mutter starb hat sie uns alle gebeten, dass wir uns um Thembinkosi kümmern. In den letzten Tagen vor ihrem Tod wollte Khululiwe ihren Sohn ständig bei sich haben.“

Kümmert Euch um Thembinkosi. Diesen Wunsch hat sich Sindi zu Herzen genommen. Sie tut alles, um die Schmerzen des Jungen zu lindern. Doch anders als in Europa, sind Medikamente für Aidskranke hier knapp.

Eines gibt es im Sterbehospitz im Überfluß: die Liebe für den Patienten.

Sindi: „Im Moment interessiert sich Thembinkosi für nichts, aber es gefällt ihm, wenn man ihn in den Arm nimmt und ganz fest drückt. Er hat früher schon immer gerne gekuschelt und war sehr liebesbedürftig. Und jetzt braucht er das natürlich umso mehr.“

Thembinkosi: noch vor wenigen Monaten war er ein kräftiger, aufgeweckter Junge.

Doch schon damals war klar: sein junges Leben wird nur von kurzer Dauer sein.

Kindern wie Thembinkosi zu helfen, dass hat sich auch Clare vorgenommen. Die Südafrikanerin hat das Sterbehospiz mitbegründet. Und sie weiss, diese Kinder brauchen Hilfe. Kinder wie Bongani. Der einjährige hat [Vater und] Mutter durch Aids verloren, ist [möglicherweise] selbst HIV-positiv. Die kleine Hope: sie lebt seit [kurz nach] ihrer Geburt im Hospiz. Ist Aids [bzw. Sozial-]waise.

Flora: sie wurde von ihren Eltern vernachlässigt. Hier ist sie glücklich. [Ihr Vater starb an AIDS.]

Damit sich diese Kinder künftig noch wohler fühlen, soll hier in wenigen Wochen ein Kinderheim entstehen.

Clare Kalkwarf, kümmert sich um Aids-Waisen „Im Moment sind die Kinder noch im Hospiz untergebracht. Denn eigentlich hatten wir hier ja nie eine Kinderabteilung geplant. Sie ist sozusagen von selbst entstanden. Einfach dadurch, dass viele Mütter hier an Aids sterben und ihre Kinder dann alleine zurückbleiben.“

Hier in der hügeligen Landschaft von KwaZulu Natal ist die Lebenserwartung gering.

In den Slums bestimmen Elend und Gewalt den Alltag. Aids verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Thembinkosis Mutter ist wurde wahrscheinlich bei einer Vergewaltigung mit dem HIV-Virus infiziert. Bei der Geburt wurde ihr Sohn ebenfalls mit dem Aidsvirus infiziert. Erst seit kurzem gibt es ein Medikament, das dies verhindert.

Sindi, hofft auf Hilfe für Aids-Kranke “Das ist ein ernstes Problem in Südafrika. Wir hoffen, dass die Regierung das lebensrettende Medikament Nevirapine bald allen Müttern zur Verfügung stellt. Dieses Medikament verhindert, dass sich Aids bei der Geburt von der Mutter auf das Kind überträgt.“

Auch Thembinkosi hätte das Medikament retten können. Doch jetzt ist es zu spät.

Heute morgen isst er zum ersten mal seit einer Woche wieder. Doch schon nach wenigen Bissen ist der Kleine völlig erschöpft.

Bis zu 300 Menschen werden in KwaZulu Natal täglich beerdigt.

Wenn kein Wunder geschieht, wird sich diese Zahl bald verdreifachen.

Lagleder, „Engel der Todkranken“ : "Ich vergleiche die AIDS-Situation hier in Südafrika oft mit dem Schiff der Titanic. Es sind etwa 10 %, die nicht HIV-positiv sind und das wären die Leute, die in den Rettungbooten sitzen und die anderen 90 % die gehen unter. Machen kann man nichts.

Das einzige was man tun kann ist dass man das tut was von der Titanic erzählt, nämlich dass dieses Orchester noch gespielt hat, dass wir versuchen den Menschen in ihrer schlimmen Situation die Hand zu reichen, zeigen, Du bist nicht allein, Du bist geborgen, Du stirbst nicht allein."

Jeder Tag im Hospiz beginnt mit einem Gottesdienst. Die meisten Patienten nehmen daran teil.

Für den Aidsjungen Thembinkosi ist es einer der letzten Besuche. Von Tag zu Tag verliert er mehr Gewicht.

Hier auf dem nahegelegenen Friedhof soll der todkranke Thembinkosi einmal seine letzte Ruhe finden. Das hat sich seine Mutter so gewünscht.

Alle wissen: Thembinkosis Zeit ist begrenzt. Doch in dieser Zeit soll es ihm an nichts fehlen.

Sindi, pflegt Thembinkosi „Im Moment braucht er Liebe, ganz viel Liebe und Pflege. Und ich bete, dass Gott ihm hilft.“

Der kleine Junge ist eines von tausenden Kindern, die hier in Südafrika an Aids sterben. Nur drei Tage nach unserem Besuch ist Thembinkosi für immer eingeschlafen.


Am 12. Februar 2002 konnte Thembinkosi's Mutter ihn wieder in die Arme schließen - im Himmel.

Herr, gib ihnen die ewige Ruhe und das ewige Licht leute ihnen, laß sie ruhen in Frieden!


Diese Sendung war ein update zu einer früheren Sendung von ProSieben
AIDS-Reportage Südafrika von Philipp Hahn, ProSieben TV Germany

AIDS-Reportage Südafrika vom 19.4.2001


AIDS-Reportage Südafrika

von Philipp Hahn

Datum: 19.4.2001

Länge: 9 Minuten 20 Sekunden

 

Khululiwe ist erst 15, als sie Mutter wird. Besonders tragisch: Die junge Frau ist bereits mit dem tödlichen Virus HIV infiziert und so kommt auch ihr Baby mit dem tödlichen Erreger zur Welt. Sehen Sie jetzt das Schicksal einer kleinen Familie aus Südafrika, einem Land, in dem immer mehr Kinder an AIDS sterben.

Thembinkosi ist erst dreieinhalb Jahre alt. Seinen vierten Geburtstag wird er nicht erleben. Er hat Aids. Wie seine Mutter Khululiwe. Die junge Frau ist 18. Ihre Organe sind schon stark angegriffen. In ein paar Wochen wird sie tot sein. Aids-Medikamente, die ihr Leben verlängern könnten, gibt es zwar, sie sind aber für fast alle Südafrikaner unbezahlbar.

Khululiwe, 18, hat Aids im Endstadium: "Ich habe wahnsinnige Schmerzen, bekomme kaum Luft und kann nicht mehr aufstehen. Ich weiß, dass ich bald sterben muss – und ich weiß, dass auch mein Sohn bald sterben muss.“

Khululiwe und Thembinkosi leben hier. Und hier werden sie auch sterben, inmitten sanfter Hügel. In einer scheinbar heilen Welt. Doch diese Welt ist die AIDS-Hölle von Südafrika.

Philipp Hahn, s.a.m.-Reporter: "Hier stirbt ein ganzes Land. Jeder fünfte Südafrikaner hat sich mittlerweile mit dem tödlichen Virus angesteckt. Hier in der Region kwaZulu-Natal sind von drei Millionen Menschen schon zwei Millionen infiziert und in einigen Gebieten sind sogar unfaßbare 90% HIV-positiv. Nirgendwo sonst auf der Welt breitet sich die Epidemie so rasant aus wie hier."

Aber nur wenige haben den aussichtslosen Kampf gegen den Tod aufgenommen. Zu ihnen gehört Pater Gerhard Lagleder, den wir in seinem Hospiz in Mandeni treffen. Seit vier Jahren widmet der Mönch aus Bayern sein Leben den Sterbenden von KwaZulu Natal.

Unterstützt wird er dabei von etwa zehn ehrenamtlichen Helfern [pro Schicht / insgesamt 436], die er selbst ausgebildet hat.

  Zusammen pflegen sie die Todkranken. Tag für Tag, Nacht für Nacht. Doch es bleibt ein verzweifelter Kampf.

Pater Gerhard Lagleder, 45, sorgt für Aids-Kranke: "Es ist eine AIDS-Hölle. Es ist ein Platz in dem AIDS so überhand genommen hat und das Problem ist, dass die Krankenhäuser völlig überfüllt sind. Die Krankenhäuser können mit den Patienten nicht mehr zurecht kommen und wenn die Krankenhäuser dann sehen 'Also dem können wir eh nicht mehr helfen' dann schicken sie die Leute einfach heim."

Doch das Leid dieser Menschen wird Pater Gerhard und seine Helfer nie mehr los lassen. Sie nehmen die Patienten auf, die keiner mehr haben will. Weit über 500 Menschen haben sie schon in den Tod begleitet.

Die drei Frauen in diesem Krankenzimmer gehören inzwischen auch dazu. Der Aids-Tod holt sie fast zur gleichen Zeit - wenige Tage, nachdem diese Aufnahmen entstanden sind.

Sie hieß Peacky. Im März kam sie ins Hospiz. Ihre Diagnose: Aids und Magenkrebs. Sie stirbt kurze Zeit später im Alter von 36 Jahren.

Neben ihr Pinky. Diagnose: Aids im Endstadium. Sie wird nur 22.

Und Nonhlanhla. Diagnose: Aids mit Tuberkulose. Sie ist 29, als sie der Tod von ihren Qualen erlöst.

Khululiwe und ihr Sohn Thembinkosi sind vielleicht schon die nächsten. Aber – so makaber es klingen mag – sie haben Glück. Denn sie gehören zu den wenigen, die in würdevoller Umgebung sterben dürfen. Bis zum Ende wird sich Pater Gerhard um Mutter und Sohn kümmern. Sie müssen nicht jämmerlich zugrunde gehen wie fast alle anderen in den Slums von KwaZulu Natal.

Pater Gerhard Lagleder, 45, pflegt die Todkranken: "Es ist eine Katastrophe vor der wir stehen. Eine Katastrophe, die man nicht aufhalten kann. Eine Katastrophe, für die es keine Behandlung gibt. Ich denke, es gibt nur eine Behandlung dafür und das ist die der liebenden Zuneigung."

Und die gibt es nicht in den Slums, wo Leid und Elend das Leben bestimmen. Gerade hier, in den Armenvierteln verbreitet sich die Seuche Aids fast unaufhaltsam. Verantwortlich dafür sind vor allem die Unwissenheit und die Gewaltbereitschaft der Männer.

Philipp Hahn: "Viele südafrikanische Männer glauben beispielsweise, dass sie sich selbst von AIDS heilen können indem sie mit einer Jungfrau schlafen. Dieser wahnwitzige Irrglaube trägt mit dazu bei, dass jährlich zehntausende Mädchen vergewaltigt werden und um die Opfer dieser sexuellen Gewalt kümmert sich niemand. Lediglich Versicherungskonzerne haben bislang versucht an dieser traurigen Tatsache etwas zu ändern. Sie wollten für umgerechnet vier Mark eine Versicherung anbieten, die die Arztkosten nach einer Vergewaltigung übernimmt. Aber in Slums wie diesem hier kann sich das keine Frau leisten."

Hinzu kommt: Frauen zählen nicht viel in der Gesellschaft der schwarzen Südafrikaner. Nicht einmal in der Familie. Da fällt Gegenwehr schwer. Eindeutige Sprüche wie „zwei Bier und sie gehört Dir“ werden oft wie selbstverständlich in die Tat umgesetzt.

Auch Khululiwe ist wahrscheinlich ein Vergewaltigungsopfer, und ihr Sohn womöglich ein Vergewaltigungs-Ergebnis. Die todkranke Frau will das nicht bestätigen. Aber sie bestreitet das auch nicht.

Vorsichtig fragen wir sie, ob sie ein Opfer von sexueller Gewalt ist. Ihre Antwort kommt nur sehr zögerlich:

„Darüber will ich nicht sprechen.“

Khululiwe ist kein Einzelfall. Insgesamt – so schätzen Experten – werden in Südafrika jährlich eine Million Frauen Opfer sexueller Gewalt. Statistisch gesehen wird jede Südafrikanerin in ihrem Leben zweimal vergewaltigt. Doch nur die allerwenigsten trauen sich, Anzeige zu erstatten. Wenn doch, dann werden sie nicht ernst genommen. Nein - über Sex spricht man nicht in Südafrika. Ein fataler Fehler. Denn nur Aufklärung kann die Seuche bremsen. Aber Aufklärung findet kaum statt.

Philipp Hahn: "Dieses Plakat soll die Leute dazu bringen beim Sex Kondome zu benutzen. Es ist das einzige Plakat weit und breit, außerdem können hier ohnehin nur die wenigsten lesen was auch drauf steht. Ein weiteres Beispiel für skandalöse Aufklärungspolitik: Vor einigen Monaten ließ das Südafrikanische Gesundheitsministerium hier in dieser Region einhunderttausend Kondome verteilen, sogar mit Gebrauchsanweisung auf einer Art Beipackzettel. Die aber waren zuvor mit Heftklammern and die Gummis getackert worden und so wurden eben durchlöcherte Kondome unters Volk gebracht."

Mörderische Fahrlässigkeit. So lässt sich Aids natürlich nicht besiegen. Im Gegenteil: Immer mehr Menschen sterben immer früher, auch, weil der Staat versagt. Schon jetzt werden die wenigsten 40 Jahre alt. Fast 300 Menschen werden in KwaZulu Natal zur Zeit jeden Tag beerdigt. Wenn kein Wunder geschieht, wird sich diese Zahl bald verdreifachen. Der Platz auf den Friedhöfen wird langsam knapp...

Pater Gerhard Lagleder, 45 „Engel der Todkranken“: "Ich vergleiche die AIDS-Situation hier in Südafrika oft mit dem Schiff der Titanic. Es sind etwa 10 %, die nicht HIV-positiv sind und das wären die Leute, die in den Rettungbooten sitzen und die anderen 90 % die gehen unter. Machen kann man nichts.

Das einzige was man tun kann ist dass man das tut was von der Titanic erzählt, nämlich dass dieses Orchester noch gespielt hat, dass wir versuchen den Menschen in ihrer schlimmen Situation die Hand zu reichen, zeigen, Du bist nicht allein, Du bist geborgen, Du stirbst nicht allein."

Der kleine Thembinkosi wird auch nicht allein sterben müssen. Selbst wenn er länger leben sollte als seine Mutter.

Khululiwe, 18, sterbende Mutter „Er ist mein einziges Kind. Es bricht mir das Herz. Er hat immer weniger Kraft. Aber ich weiß: Hier ist er in guten Händen.“

Noch hat Thembinkosi genug Kraft, um mit seinen Freunden im Hospiz wenigstens ein bißchen zu spielen.

Mit der kleinen Hope, die zwar gesund ist, aber keine Eltern mehr hat.

Mit Flora, die von ihren Eltern völlig vernachlässigt wurde.

Und mit Mxolisi, der [Vater und] Mutter durch Aids verloren hat und an Epilepsie leidet.

Um diese und viele andere Kinder will sich Pater Gerhard künftig noch stärker kümmern. Eine gigantische Aufgabe, denn die Waisenkinder werden immer mehr.

Pater Gerhard Lagleder, 45 will Kinderheim bauen: "Und ich weiß jetzt nicht wie es weitergeht. Wir überlegen sogar, unser Hospiz jetzt anzubauen in diesem Jahr und auch ein Kinderheim dazu zu bauen weil es eben einfach immer knapper wird. Wir geben nicht auf und ich denke, das ist dasWichtigste in so einer ganz ganz schlimmen Situation, nicht aufzugeben."

Im nächsten Jahr soll das Kinderheim fertig sein. Thembinkosi wird die Eröffnung nicht erleben. Aber für viele andere bedeutet das: Es gibt immerhin noch ein ganz kleines bißchen Hoffnung, in einem Land, in dem anscheinend nur der Tod eine Zukunft hat.


Khululiwe starb am 12. Oktober 2001.

ProSieben drehte ein update über Thembinkosi, das am 9. April 2002 ausgestrahlt wurde:
Brotherhood of Blessed Gérard - Reportage in ProSieben "AIDS-Junge Thembinkosi update"

 Thembinkosi fand am 12. Februar 2002 die ewigen Ruhe.

Herr, gib ihnen die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte ihnen, lass sie ruhen in Frieden!

Bonganis Geschichte (Weihnachten 1999)

Lassen Sie mich eine Geschichte erzählen…

Bongani R.I.P.

 
Das ist der kleine Bongani 3½ Monate alt.

Bongani wurde an einem Freitag abend von seiner trauernden Großmutter zu uns gebracht. Sie trauerte um ihre Tochter, die zwei Wochen vorher an AIDS gestorben war und das war ihr Baby. Die Großmutter hatte nichts von der Schwangerschaft ihrer Tochter gewußt, weil diese in Johannesburg lebte. Als Bonganis Vater ihn nach kwaZulu/Natal zu seiner Oma brachte, um für ihn zu sorgen, sagte er ihr, er könne sich nicht um ihn kümmern da er arbeitslos sei und nicht in der Lage, die richtige Nahrung für Bongani zu kaufen. Zuckerwasser war alles was das Baby zu dieser Zeit an Nahrung bekam und er litt an schwerer Unterernährung.

Obendrein sagte er der Großmutter, dass Bongani HIV-positiv sei. Sie war am Boden zerstört und wußte nicht, wohin sie sich wenden sollte. Sie brachte ihn ins örtliche Krankenhaus, wo man in seine Karteikarte eintrug: "Baby mit Marasmus und Immunschwäche. Ich denke nicht, dass eine Krankenhausaufnahme das Ergebnis ändern würde und habe der Großmutter mitgeteilt, dass das Baby sterbenskrank ist." Dann wurden sie nach Hause geschickt, um selber so gut als möglich für das Kind zu sorgen. Das erwies sich jedoch als sehr schwierig, weil die Großmutter arbeiten musste und keine Zeit hatte, ein winziges krankes Kind zu pflegen.

Glücklicherweise wußten ihre Arbeitgeber von unserem Hilfsangebot. Natürlich nahmen wir ihn auf, um ihn zu pflegen. Aber der kleine Junge mit seinen dreieinhalb Monaten war bereits im Endstadium von AIDS. Alles was wir tun konnten war ihm so viel Liebe als möglich zu schenken und sein Leiden zu erleichtern.

Dazu mussten wir sein hohes Fieber bekämpfen, seinen steten Husten und seine Schmerzen erleichtern. Alle im Pflege- und Hospiz-Zentrum haben ihn liebgewonnen während seiner kurzen Zeit mit uns. 26 Tage später hat ihn Gott an seine bleibende Stätte im Himmel gerufen.

Bongani konnte nicht wissen, wie sehr er unser aller Leben verändert hat. Wir werden ihn nie vergessen. Unsere aufrichtige Anteilnahme gilt seiner Großmutter, die sich so sehr um ihn gesorgt hat.

[Diese Geschichte wird mit ausdrücklicher Erlaubnis der Familie veröffentlicht.]

Ngiyabonga Nkosi! - August 1997

Ngiyabonga Nkosi

Ich bin eine 54jährige Witwe, habe sieben Kinder, von denen einige verheiratet sind und mir wunderbare Enkelkinder geschenkt haben. Ich lebe auf einem (Bauern)Hof nördlich von Eshowe in kwaZulu/Natal.

Vor drei Jahren verstarb mein Mann; und so muss ich mich alleine um unsere Kinder kümmern, die noch zur Schule gehen. Eines Tages arbeitete ich gerade fleißig auf dem Feld, auf dem ich Gemüse anbaue, um meine Familie zu ernähren; da hatte ich plötzlich dieses furchtbare Kopfweh. Es war außergewöhnlich heiß, und so nahm ich nicht viel Notiz von den Schmerzen, weil ich dachte, es sei nur normales Kopfweh wegen der Sonne. Als ich mit dem Unkrautjäten für den Tag fertig war und das Gemüse gegossen war, ging ich müde nach Hause. Ich war erschöpft und verschwitzt. Die Kinder waren von der Schule zurück und hatten, wie üblich, Hunger. Die Töpfe mit uPuthu (Maisbrei) und Eintopf standen am Feuer, und das Essen war fast fertig. Schmerzen, ach, solche Schmerzen! Mein Kopf ist am Zerspringen. Ich erinnere mich daran, dass mich meine älteste Tochter aus einiger Entfernung rief. „Mama, Mama!" Ich muss zu ihr gehen, sie ist in Schwierigkeiten und braucht mich. Es gibt niemand anderen, der ihr helfen könnte. „Mama, Mama!" Ich muss zu ihr gehen, aber es ist so schwer, so dunkel, wie wenn man durch Suppe schwimmen müsste.

Ich öffne die Augen, und da ist Thokozile, mein kleines Baby. Tränen rannen ihr übers Gesicht. Ich versuchte meine Hand zu heben, um die Tränen abzuwischen, aber meine Hand wollte mir nicht gehorchen. Mein Kopf gab meinem Arm den Befehl, sich zu bewegen, aber nichts geschah. Langsam dämmerte es mir: Etwas war ernstlich nicht in Ordnung. Ich versuchte, meine Familie zu fragen, was geschehen war, aber die Worte, die herauskamen, klangen verdreht, und niemand konnte mich verstehen. Schließlich kam ein weiß gekleideter Mann ins Zimmer. Dann begriff ich, dass ich in einem Krankenhaus war. „Sie haben einen Schlaganfall gehabt", sagte er zu mir. „Sie sind linksseitig gelähmt." Er nahm einige Untersuchungen vor.

Mein Gesicht, mein Arm und meine Hand sowie mein Bein wollten sich nicht bewegen.

Das muss einer der übelsten Augenblicke meines Lebens gewesen sein. Ich hatte nie daran gedacht, dass mir so etwas zustoßen könnte.

Die Tage vergingen. Das Programm war täglich dasselbe. Die Physiotherapeuten waren so nett und freundlich. Sie ermutigten mich dazu, mit meinen Übungen weiterzumachen. Sehr bald entließ mich der Doktor aus dem Krankenhaus, wo ich mich sicher und geborgen gefühlt hatte. Die Familie nahm mich nach Hause auf den (Bauern)Hof. „Wie komme ich nur zurecht?" dachte ich. Ich war so müde nach der Reise, dass ich einschlief. Am nächsten Morgen wachte ich auf, weil meine kleine Tochter schrie. Sie hatte nämlich Hunger. Ich versuchte aufzustehen, um ihr zu helfen, aber ich konnte nicht. Ich fiel auf den Fußboden. Schluchzend schleppte ich mich auf dem Boden zu ihr hin und versuchte, sie zu trösten. Lange saßen wir zusammen. Als sie sich wieder beruhigt hatte, bat ich sie, mir zu helfen und genau das zu tun, was ich ihr sagte. Sie war ein kleiner Engel. Sie tat alles, um was ich sie bat, aber ein vierjähriges Kind kann einem nur sehr eingeschränkt helfen. Die älteren Kinder waren schon zur Schule fortgegangen. So saß ich stundenlang auf dem kalten Zementfußboden meiner Hütte, bis die älteren Kinder heimkamen.

Wie sollte ich es nur schaffen?

Irgendwie überstanden wir die nächste Woche, aber die Verhältnisse zu Hause wurden immer komplizierter und schwieriger. Ist das ein Auto, was ich da höre? Bitte, Herr, lass das einen Besucher sein! Welche Erleichterung, es ist meine Tochter Dudu und ihr Mann aus Mandeni. Es gibt keine große Diskussion, sie packen meine Kinder und mich in das Auto und fahren mich zu sich nach Hause. Das Haus ist klein, es hat nur vier Räume: zwei Schlafzimmer, ein Wohnzimmer und eine Küche. Wir mussten viel umorganisieren, damit wir alle in die kleine Wohnung hineinpassten. Meine Tochter, ihr Mann und ihre zwei Kinder schlafen jetzt in einem Zimmer und meine drei Kinder und ich in dem anderen. Ngiyabonga, Nkosi! Danke, Herr(gott)! Du hast mich wirklich mit guten Kindern gesegnet. Wenn ich jetzt nur wieder selbständig werden könnte!

Eines Tages kam mein Schwiegersohn mit der Nachricht nach Hause, dass es Hilfe für mich gibt und noch dazu akkurat in Mandeni. Ein neues Zentrum wurde eröffnet, in dem ehrenamtliche Helfer zum Helfen bereit sind. Simon sagte der Familie, dass er mit den Leuten im Pflege- und Sozialzentrum des Seligen Gerhard gesprochen hatte und dass sie mich am nächsten Tag in der Frühe besuchen würden. Der Morgen kommt, es ist ein schöner sonniger Tag, und ich fühle mich zum ersten Mal seit Monaten glücklich. Die Vorfreude ist kaum auszuhalten.

Schließlich kommen die Damen in Weiß und Schwarz um neun Uhr an. Sie wirken so nett. Aber sie sprechen Englisch. Wie soll ich ihnen da erklären, was ich möchte und wie es mir geht?

Es macht nichts. Simon sagt ihnen an meiner Stelle, was passiert ist. Eine Frau misst meinen Blutdruck und stellt eine Menge Fragen. Die andre zeigt so viel Mitgefühl, dass mir die Tränen kommen.

Sie versprechen, am nächsten Tag zu kommen und mich in dieses Zentrum nach Mandeni abzuholen. Obwohl ich glücklich bin, bin ich auch nervös. Wie wird es sein? Werden sie Zulu sprechen? Ist es ein Krankenhaus? Was wird geschehen, wenn ich etwas will, vielleicht eine Tasse Tee? Werden sie mich wieder heimbringen? Werde ich je wieder unabhängig sein?

Ich hätte mir überhaupt keine Sorgen machen sollen. Als wir am nächsten Tag im Pflege- und Sozialzentrum des Seligen Gérard ankamen, waren dort andere Leute wie ich. Mir war es nie bewusst geworden, dass ich nicht die einzige auf der Welt bin, die einen Schlaganfall erlitten hat.

Ich war gleichsam so in meinen eigenen Schmerz und in mein Selbstmitleid verstrickt, dass ich nie daran gedacht hatte, dass es jemanden geben könnte, der schlechter dran ist als ich. Die (ehrenamtlichen) Helfer sind so freundlich; und auch die Sprachbarriere, die es nun einmal gibt, macht nichts aus. Wir bekommen Tee und Gebäck , und dann beginnt die Therapie. Es ist nicht schwer, weil wir alle in einer Gruppe zusammen sind und jeder lacht und glücklich ist. Nach dem Mittagessen werden wir gefragt, ob wir gerne einen Mittagsschlaf halten wollen. Nur ein einziger Mann sagt ja. Die anderen sind so begeistert, dass wir nicht ruhen können. Wir gehen wieder hinaus auf die Terrasse, um mit Spaß, Gelächter und Freude weitere Übungen zu machen.

Für kurze Zeit sind all die Schmerzen und Leiden vergessen. Inzwischen ist es 16 Uhr geworden, und es ist Zeit, nach Hause zurückzukehren. In dieser Nacht habe ich geschlafen wie schon monatelang nicht mehr. Es gibt wirklich Hilfe für mich. Ich kann es gar nicht erwarten, bis ich am nächsten Morgen meine Rehabilitation fortsetzen darf.

Seit vier Wochen geht es jetzt immer nach dem selben Muster so weiter. Ich bin in der Lage aufzustehen und kann mit einer Krücke gehen, was mir die Bruderschaft des Seligen Gerard geliehen hat. Mein Arm ist noch sehr steif, aber Tag für Tag verbessert sich mein Zustand. Ich kann jetzt (wieder) sprechen, aber wichtiger als alles ist, dass ich neue Freunde gefunden habe.

Jetzt gehe ich nicht mehr ins Pflege- und Sozialzentrum, aber die (ehrenamtlichen) Helfer kommen zu mir nach und besuchen mich jede Woche. Ich freue mich auf jeden Dienstag, weil ich weiß, dass meine Freunde kommen. Mein Bein und meine Sprechfähigkeit verbessern sich zusehends, und jetzt gehe ich kurze Strecken schon ohne meine Krücke. Bald werde ich heimgehen können.

Ngiyabonga Nkosi

Danke, Herr!

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